Die Bannerwache
oder
Wie Mißverständnisse eine Tradition begründen
Das erste Mal in einem Ferienlager der OT St. John wurde in diesem Jahr unser Banner rund um die Uhr bewacht.
Wie war es zu dieser revolutionären Bereicherung des Lagerlebens gekommen? Nun, das ist leicht erklärt. Die uns freundlich gesinnten schwedischen Gastgeber waren sogar so freundlich, uns einen Lagerüberfall anzukündigen. Unsere Kenntnis der schwedischen Sprache hatte uns hier allerdings - wie sich erst später herausstellen sollte - einen Streich gespielt.
Der für den Vortrupp auf der Autobahn von Bärbel durchgeführte Intensivkurs konnte uns leider nicht die letzten Feinheiten des Schwedischen vermitteln, jedoch ging uns bereits das "tak" (danke), sowie das "tak, tak" (danke, danke) bereits wie selbstverständlich über die Lippen. Norbert brachte es allerdings in der Kunst der Konversation schon zu wahrer Meisterschaft. Er war in der Lage, sich mit unserem "Hein Muck" getauften schwedischen Organisator eine halbe Stunde lang angeregt zu unterhalten, ohne daß einer der beiden auch nur ein Wort seines Gesprächpartners verstanden hätte. Nun aber der Reihe nach und zurück zu unserer Bannerbewachung.
Tagsüber glaubten wir es mehr oder weniger sicher, sodas wir es kaum für beschützenswert hielten. Nachdem durch Einsatz aller verfügbaren Kräfte ein angemessener Bannermast gefunden und unter sachkundiger Leitung unseres im Maibaumsetzen erfahrenen Teams (Elba) und (Jones) aufgestellt war, konnten wir ihn, den Mast und natürlich unser Banner, bereits bei der allmorgendlichen Bannerrunde begrüßen. Wenn auch erst meist eine Viertelstunde später dies dem Anwärter auf die "goldene Schlafmütze" Ralf, genannt Möhre, möglich war.
Die bei größeren Ausflügen zurückgelassenen Lagerwachen kümmerten sich dann auch folgerichtig meist mehr um ihre Luftmatratzen und den Schönheitsschlaf als um das im Winde flatternde Banner.
Nachts wurde es dann aber ernst:
Um 22:00 Uhr wurde das bis dahin wachende Team der unermüdlichen Leiter durch die erste Nachtwache abgelöst. Zu zweit oder dritt hieß es dann der Dunkelheit zu trotzen und das Banner, wenn es nötig wäre, gegen jede noch so große Übermacht zu verteidigen. Furchtlos schlichen die meisten Wachen dann (wenn ein Leiter mitging) um den Zeltplatz und manch einer wagte es sogar, in der Dunkelheit einer schwedischen Nacht, mehrere Minuten lang allein, inmitten der friedlich Schlafenden, am Bannermast auszuharren. Nach zwei bis fünf Minuten war der, oder diejenige dann allerdings dermaßen durchgefroren, daß nur noch ein Gang zu den am Lagerfeuer Sitzenden helfen konnte.
Fälle von Furcht oder Angst konnten nicht beobachtet werden, und selbst Überlegungen wie "Wer will denn schon das blöde Banner haben? Da kann ich doch auch am Feuer sitzen" spiegeln doch eher eine überzeugende Logik wieder, als daß man hier von Anzeichen der Furcht reden könnte. Und lediglich böse Zungen schreiben der Angst des ein oder anderen die Wiederbelebung der angeregten Unterhaltung, sowie des Pfeifens während der nächtlichen Kontrollgänge zu.
Nach zwei Stunden des Wachens kam dann die größte Aufgabe auf die beiden Wachenden zu:
Die Nächsten waren zu wecken.
Die zu unpassender Zeit unsanft Wachgerüttelten (war man doch gerade erst in Schlaf gesunken) reagierten oft mit den freundlichsten Beschimpfungen, was sie dann aber letztendlich nicht davon abhielt, fälschlich, wenn auch fröstelnd und müde, aufzustehen.
Eines Nachts war es dann tatsächlich soweit:
Norbert und Jones vertrieben lauthals schreiend mehrere Schweden vom Lagerplatz und verfolgten sie bis in die Dünen. Die Vermutung, daß die beiden nur um das Nachtleben etwas zu bereichern, lediglich, wenn auch Oscarverdächtig, die Schweden nur vortäuschten, wurde zwar mehrfach geäußert, konnte allerdings nie eindeutig belegt werden. Auf jeden Fall war in der Nacht, neben den laut Rufenden, auch erstmals die Trompete vernommen worden.
Nach mehreren Minuten ohrenbetäubenden Lärms kehrte dann jedoch wieder Stille ein - Nicht einer der Schlafenden war aufgestanden - Aber wir waren es den tapferen Kämpfern Norbert und Jones einfach schuldig, die Gelegenheit in einer sofort einberufenen Bannerrunde zu behandeln.
Als die Runde nach kurzer Zeit des Weckens um das Banner stand, war festzustellen, daß kaum einer herummotzte und nach einer kurzen Standpauke von Norbert willig und dankbar in die Schlafsäcke zurückkroch. Hajo konnte sich diese Episode leider erst am nächsten Morgen ungläubig erzählen lassen, denn auch er war nicht wach geworden und beim Wecken zur Bannerrunde vergessen worden. (Dies mag noch dafür sprechen, daß tatsächlich schwedische Pfadfinder im Lager gewesen waren und Norbert und Jones doch mitgenommener waren, als sie es wohl zugeben wollten).
Wenn auch in anderen Nächten, von der Lagerwache unbemerkt, irgendein Schabernack getrieben worden ist, blieb es doch dabei, daß - wahrscheinlich durch unsere furchteinflößenden Wachmannschaften - das Schlimmste, nämlich ein Überfall und die Einbuße des Banners, verhindert werden konnte.
Erst in den letzten Tagen erfuhren wir, das der angekündigte "Haig" kein Überfall ist, sondern ein gemeinsamer Ausflug mit Lagerfeuer und dem gemeinsamen Errichten einer Lagerstatt. So war unsere Nachtwache zwar letztendlich unnötig, hat aber dennoch viel (Nacht-) Leben in unser Lager gebracht.