Mittwoch, 1. Januar 1992

1992 La Rîve - Biscarosse / Landes / Frankreich

Der Geister Gang

oder

Wer sich nicht fürchtet geht trotzdem nicht alleine


Eine alte Geschichte. Nachtwanderung mit anschließendem Geistergang gibt's fast jedes Jahr mit stets wechselndem Erfolg. Auch in Biscarrosse war der Programmpunkt fest eingeplant.

Am letzten Samstagabend war es soweit. Ich glaube, der erste Fehler war, daß wir nicht zuerst die Leute ins Bett schickten, und zur Nachtwanderung wieder weckten. Aber dies wäre auf dem Campingplatz zu problematisch gewesen, wegen der Nachtruhe der anderen, versteht sich.

Sofort begann die Überzeugungsarbeit. Eigentlich hatten wir den Eindruck, die Leute warteten auf die Nachtwanderung, denn schon in der ersten Woche kam die Frage: "Hajo, wann machen wir eine Nachtwanderung?"

Doch für einige stellte sich dies schon so als Zwang dar, daß wir auf deren Mitgang verzichteten.

Der Krach unterwegs am Campingplatz außen vorbei - wir wählten ihn in weiser Voraussicht - diesen Weg - steigerte sich in beängstigende Lautstärke. Einige Leiter mußten lauter schreien, um zur Ruhe zu mahnen.

Endlich erreichten wir den Platz, an dem ich eine Gespenstergeschichte erzählen wollte. Erstaunlich ruhig folgten fast alle gespannt - oder schlafend - der Geschichte.

Ab hier war der Start zum Geistergang. Es war schon ziemlich dunkel. Jedoch war der Weg einfach zu finden und parallel zu der Straße, die zum Campingplatz führte. Zuerst kamen die Mutigen. Bernhard und ich waren uns einig, daß alle eigentlich alleine gehen sollten. Aber es war schon ziemlich schnell nervig, weil, da standen die Meisten hinter der von uns gedachten Linie und wollten schon los.

"Hajo, ich will jetzt gehen", "Hajo, ich möchte mit Lisa gehen", "Hajo, Ich gehe nicht alleine".

Doch mit etwas Geduld und Spucke lief die Aktion doch – bis plötzlich Heide angelaufen kam. Heide und Sonja waren zuerst gegangen um alle Ankommenden in Empfang zu nehmen und sie ruhig zum Zelt zu schicken. "Hajo, wir müssen abbrechen. Die Polizei läßt gleich mit Verstärkung den Wald räumen!"

Nun muß ich dazu erwähnen, daß unsere Jungen und Mädchen zwar mutig den Weg von Station zu Station hinter sich brachten, aber jede Mutprobe brachte fast alle dazu, einen Schrei des Erschreckens, des Erstaunens oder auch der Abwehr von sich zu geben. Diese Schreie hallten natürlich durch den Wald.

Sofort beschlossen wir, nur noch zu Zweit die Leute loszuschicken in der Hoffnung, daß die Angst vermindert und das Geschrei aufhören würde. Die Meisten sagten auch: " Hajo. wir haben jetzt keine Angst mehr". Doch wir hatten den Eindruck, daß die Schreie eher lauter wurden. Doch wir zogen die Geisterwanderung bis zum Ende durch. Als letzte gingen et -Banänche-, der Bernhard und ich. Wir lösten gleichzeitig die Stationen auf. Am Campingplatz angekommen erwartete uns der Nachtpolizist. Wir meldeten ihm, daß das Geschrei im Walde zu Ende sei. Ich erklärte ihm, daß eine Geisterwanderung zu unserem Programm gehörte. Dies veranlaßte ihn zu schmunzeln und uns eine gute Nacht zu wünschen.


Hajo Bauer



Keine Kommentare: